Einführung

Die Mediziner könnten Düfte vielfältiger gebrauchen, als sie es heute tun.
Montaigne

Die aromatischen Essenzen sind, nachdem sie lange Jahre vernachlässigt wurden, für viele Forscher und einen großen Teil der öffentlichkeit zu wichtigen Elementen moderner Therapien geworden. Viele Kranke bestehen heute darauf, angesichts der immer häufiger bekanntwerdenden Schäden durch Chemotherapie, ausschließlich mit natürlichen Heilmethoden behandelt zu werden.

Wir sollten uns daran erinnern, daß natürliche Heilmittel seit frühesten Zeiten von unseren Vorfahren entwickelt worden sind. Auf dieses Wissen kommt man immer wieder verstärkt zurück, auf die »Hausmedizin« »unserer Ahnen, die heute mit Hilfe der modernen Forschung von den legenden und der sie umgebenden Finsternis befreit wird«, wie H. Leclerc schrieb.

Bei schwerwiegenden Erkrankungen, die auf die modernen der Reihe nach durchprobierten Behandlungsmethoden nicht »ansprechen«, besinnt man sich immer häufiger auf die Phytotherapie. Es wäre oft besser, sie nicht so lange aus den Augen zu verlieren und bei vielen Erkrankungen mit ihr zu beginnen.

Unter gewissen Aspekten stellt dieses Werk eine Verbindung zwischen der Erfahrung unserer Ahnen und den modernen Erkenntnissen her. Die jüngsten Entdeckungen, die die Existenz von Hormonen und Antibiotika in vielen Pflanzen und Essenzen nachwiesen, zeigen uns, daß wir sehr vorsichtig sein müssen, wenn wir endgültige Aussagen über die Wirkungsweise dieser Medikamente abgeben wollen.

Dank der in jüngster Zeit angestellten Forschungen gibt es einfache und logische Erklärungen für die Wirkung von aromatischen Essenzen, die sie aufgrund ihrer hormonalen Bestandteile auf Körper und Geist ausüben. Zahlreiche Experimente erlauben es uns heute, alte Behandlungsmethoden, die uns bis vor kurzem eher amüsierten, zu erklären und zu begründen.

So zum Beispiel das Säckchen mit Knoblauch und Kräutern, das unsere Vorfahren Kindern, die unter Wurmkrankheiten litten, um den Hals hängten, wie allen Menschen während den Epidemie-Zeiten. Wir wissen inzwischen auch, warum Umschläge, denen einzig gekochte und zerdrückte Pflanzen beigegeben wurden, bei Gichtanfällen, bestimmten Schmerzen oder bei Harnverhalt heilend wirken.

Viele Kranke berichteten uns, gespürt zu haben, wie sich unter den Händen von Magnetopathen ihre Blasensteine auflösten und die Beschwerden verschwanden. Vielleicht hat mancher von uns solche Geschichten vernommen und sich darüber lustig gemacht?

Dabei sollten wir nicht vergessen, daß es mit Hilfe der Phyto-Aromatherapie immer wieder gelungen ist, Nierenund Gallensteine zu entfernen. Mit dem Sud aus Splintholz der wilden Linde aus dem Roussillon habe ich die besten Erfahrungen gemacht. Erst vor wenigen Wochen konnte ich einem Patienten helfen, der vor sieben Jahren operiert wurde und trotzdem wieder unter Nierensteinen litt.

»Dieses Buch ist eynes von Trew und Glouben«, könnte ich wie Montaigne schreiben. Im Jahre 1957 – damals war ich Oberstabsarzt im Verteidigungsministerium – erzählte die Frau eines Obersten, die an einem hartnäckigen Ausschlag am Unterarm gelitten hatte und der seit Monaten von verschiedenen Hautärzten ohne Erfolg behandelt worden war, mir ihre beeindruckende Geschichte. Sie kam gerade aus einem Dorf im Departement Bearn und zeigte mir ihren Unterarm, der frei von jedem Ausschlag war.

Noch bevor ich sie etwas fragen konnte, sprudelte es aus ihr heraus:

»Herr Doktor, ich weiß, daß Sie nie über mehr oder weniger ungewöhnliche Behandlungsformen, die heute erprobt werden, lachen. Erinnern Sie sich noch an meinen Ausschlag? Da, schauen Sie sich meinen Arm an.«

Ihre Haut war makellos weiß. Ich erinnerte mich nur allzugut an die abstoßenden, rötlichen Wunden und an den darüberliegenden safrangelben Schorf.

»Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Ihnen untreu war und Ihnen das auch noch gestehe, doch ich möchte Ihnen unbedingt erzählen, wie ich geheilt wurde… Vor langer Zeit bereits hat man mich auf einen alten Mann hingewiesen, der in einem abseits gelegenen Dorf lebt und anscheinend Ausschläge heilen kann. Ich bin zu ihm gefahren. Jetzt lachen Sie bitte nicht: Er hat mich auf seinen Rücken genommen, ist einmal mit mir durch seinen Garten gegangen und hat mich anschließend nach Hause gebracht.«

Natürlich überraschte mich diese »Behandlungsmethode«, doch ich sagte nichts, sondern nickte nur auffordernd mit dem Kopf.

Die Frau fuhr mit ihrer Erzählung fort:

>Madame, das ist alles<, war der einzige Kommentar des Mannes, )morgen oder übermorgen ist alles vorbei.( Das hat sich vor drei Tagen abgespielt, und jetzt bin ich hier bei ihnen, um Ihnen so schnell wie möglich meinen Arm zu zeigen.«

Was sollte ich zu diesem Bericht sagen?

Ich habe diese Geschichte aus meiner Praxis eingeschoben, um von vornherein klarzustellen, daß es nicht das Ziel dieses Buches sein kann, derartige Phänomene, die unser Verständnis übersteigen und die wohl noch für lange Zeit außerhalb der Möglichkeiten der Praktiker liegen werden, erklären zu wollen.

Genauso sinnlos wäre es, die Anziehungskraft Napoleons zu ergründen versuchen.

Trotzdem, die Verwendung von Pflanzen und Essenzen kann es dem Wissenden ermöglichen, »Wunder« zu vollbringen. Bereits die alten ägypter verstanden es, mit weinhaltigen Pflanzenmazerationen zu betäuben …

Professor Leon Binet, derfrühere Dekan der medizinischen Fakultät der Universität von Paris, kam in seinen zahlreichen Werken häufig auf die außerordentlichen Eigenschaften der Pflanzen zu sprechen, auf die »Substanzen, die heilen«.

Viele Werke, die von Pflanzen und ätherischen ölen handeln, sind, über die Jahrhunderte hinweg, von den herausragendsten Wissenschaftlern ihrer Zeit, ärzten, Biologen und Apothekern, geschrieben worden. Es wäre unmöglich, sie hier alle aufzuzählen, auch wenn ich mich nur auf meine Landsleute beschränkte. In den einzelnen Kapiteln werde ich viele von ihnen erwähnen, doch Namen wie Chamberland, Cadeac, Meunier, Courmont, Morel, Rochaix, Bay, Cazin, L. Binet, Balansard, Caujolle, Chabrol und Dorvault werden jedem begegnen, der sich mit Heilpflanzen beschäftigt. Ebenso bekannt sind Goris, Duquesnois, Perrot, Meurisse, Lemaire, Lian, Loeper, H. Leclerc, Fournier, R.-M. Gattefosse, F. Decaux, R. Paris*, Quevauvillers, Guyon, Carraz, Valette, R. Moreau und viele andere, die zum aktuellen Wissensstand auf diesem Gebiet beigetragen haben.

*Professor Rene Paris, der unbedingt erwähnt werden muß, wenn von Pflanzen die Rede ist, ist der Inhaber des Lehrstuhls für Matiere medicaie an der pharmazeutischen Fakultät der Universität Paris. Ihm verdanken wir das größte Mussee mondial der Heilpflanzen, das von französischen und ausländischen ärzten, Apothekern und Studenten viel besucht wird (4, avenue de 1’Observatoire, 75005 Paris).

Zahlreiche Forscher, von denen viele an Universitäten tätig sind, haben wichtige Werke über Pflanzen veröffentlicht, darunter, in Frankreich, J. Barbaud, Madame BezangerBeauquesne, Madame Debelmas, P Delaveau, B. Drevon, R.-B. Henry, A. Foucaud, J. Kerharo, J.-M. Pelt, M. Jolivet, A. de Sambucy, H. Pourrat, J. Pellecuer, M. Jacob, J. Navroy; in Italien Gatti, Cajola, Carosi, Remigio Banals, Novi und Paolo Rovesti; in Deutschland Kobert, Bruning und Arno Müller; in Amerika und England Martindale, Miller, Read, Rideal, Tanner und Willey. Ihre Arbeiten gehören zu den wichtigsten, die über die Wirkung von Pflanzenessenzen geschrieben wurden.

Vergessen wir nicht, daß es in Frankreich seit einiger Zeit möglich geworden ist, über diesen Themenkreis zu promovieren. In diesem Zusammenhang sei Professor Caujolle von der Universität Toulouse erwähnt, der die Dissertationen von Madame Porcher-Pimpart, R. Cazal, A. Azaloux und von Cathal betreute, und auch Professor Gregoire, der in Rennes Sarbachs Arbeit über die antiseptische und bakterizide Wirkung von 54 ätherischen ölen leitete. In Montpellier hat sich unter der Leitung der Professoren Guerrier und Pages eine neo-hippokratsche Schule gebildet, die laufend über ihre Forschungsarbeiten berichtet.

Seit langer Zeit verfolgt in Dakar Professor J. Kerharo, Inhaber des Lehrstuhls für Drogenkunde, seine langwierigen Forschungen. Neben zahlreichen Veröffentlichungen, vor allem die 1971 im Journal d’Agriculture tropicale et de Botanique apliquee erschienene Abhandlung über I Aromatherapie et la Gemmotherapie dans la Pharmacopee senegalaise traditionelle (Aromatherapie und Gemmotherapie in der traditionellen senegalesischen Pharmakopöe), gab er 1974 in Paris zusammen mit J.-G. Adam das monumentale Werk La Pharmacopee senegalaise traditionelle (die traditionelle senegalesische Pharmakopöe) heraus.

Seinem Beispiel folgend, haben vor allem im Senegal, aber natürlich auch im übrigen Afrika, an der Elfenbeinküste und in Gabun, hiervor allem in Libreville, Jean-Noel Gassita, Direktor des Institut de Pharmacopee et de Medecine Traditionelle, viele Forscher die Arbeit auf diesem Gebiet aufgenommen.

Das gleiche trifft auf Madagaskar, China und Lateinamerika zu … wie überhaupt auf alle Länder, in denen die Phytotherapie die gebräuchlichste Behandlungsmethode geblieben ist.

Die Lyoner Schule ihrerseits, gegründet von R.-M. Gattefosse setzt dessen Arbeiten fort.

Auch im Ausland ist die gleiche Entwicklung ablesbar.

Hier ist an erster Stelle die italienische Schule mit den Professoren Rovesti in Mailand, Cerevoli in Padua, Benedicenti u. a. zu nennen.

In der Schweiz hat sich das Wissen über die natürlichen Behandlungsmethoden dank der außerordentlichen Arbeit einiger Journalisten und Schriftsteller ungewöhnlich schnell verbreitet. Ich möchte in diesem Zusammenhang vor allem Marie-Claude Leburgue, Vera Florence (von Radio-Television Suisse Romande), Gabriel Monachon, Michel H. Krebs und Gil Stauffer erwähnen …

Dabei scheint es mir wichtig darauf hinzuweisen, daß in diesem Land, dem größten Herstellerland synthetischer Arzneimittel, sich vor allem die Verbraucher mit der Phyto-Aromatherapie beschäftigen. Jedoch nicht ausschließlich diese, denn einige Heilpflanzenhändler haben schnell begriffen, welchen Profit sie aus meinen Vorträgen und zahlreichen Sendungen in Radio-Television Suisse Romande ziehen können. Die Gewinnsucht der meisten dieser Händler hat immerhin den Vorteil, daß immer mehr Kranke, die von der herkömmlichen Chemotherapie enttäuscht sind, sich somit anders helfen können.

Im Anhang finden meine Leser die Angriffe der Schweizer Apothekerschaft, die ja zum großen Teil von den Chemie-Konzernen abhängig ist, und die 1976 der Chefredakteur der Zeitschrift Journal Suisse de Pharmacie glaubte, gegen mich veröffentlichen zu müssen. Ich habe es mir nicht versagt, auch meine Erwiderung abzudrucken …

In Belgien scheint die Entwicklung langsamer voranzugehen, was sicher nicht der Fehler der Journalisten Marc Danval, Georges Wielemans, Janine Modave, J.-L. Lachat, M. Grodent, Ch. van Hoof, A. Antoine, Ph. Genaert, N. P. Ketelbuters und F. Wangermee ist, von denen einige hohe Stellungen beim O.R.T.B. einnehmen und die allesamt als aufgeklärte Menschen keine Bedenken haben, das Problem anzugehen. Trotzdem dauerte es lange, bis endlich auf mein hartnäckiges Betreiben hin die Societe Beige de Phytotherapie et d’Aromatherapie gegründet wurde; hoffen wir, daß sie erfolgreich sein wird.

In Rußland wie in allen Ostblockländern war die Pflanzenheilkunde schon immer Gegenstand wissenschaftlicher Forschungen, und niemand hat in diesen Ländern Angst davor, Arbeiten über den Kohl oder die Zwiebel zu veröffentlichen.

Kurz, wir wohnen in der ganzen Welt dem Aufblühen einer neo-hippokratischen Bewegung bei, das heißt, einer »Zusammenarbeit mit der Natur«, wie es Professor Sary einmal ausdrückte, die nichts anderes zum Ziel hat, als die Heilung der Kranken mit Hilfe der Natur, wobei man sich heute nicht mehr nur auf empirische, sondern auch auf rationale, wissenschaftliche Ergebnisse stützen kann.

In den Vereinigten Staaten wird an dem Problemkreis rege gearbeitet, obwohl es hier gewisse Schwierigkeiten gibt. Einer der Verantwortlichen der O.M.S. berichtete mir eines Tages in Genf, daß die geernteten Pflanzen leider häufig zu lange auf den Kais gelagert werden, wo sie den Unbilden des Wetters ausgesetzt sind und verfaulen, also völlig unbrauchbar werden. Gleichzeitig aber wird die Phytotherapie an verschiedenen amerikanischen Universitäten gelehrt.

So werde ich in diesem Buch laufend die zahlreichen Behandlungsformen unserer Vorfahren, die verleugnet oder trotz der Resultate, die sie seit jeher erzielten, vernachlässigt wurden, erklären. Diese Erklärungen wurden erst durch die jüngsten wissenschaftlichen Arbeiten ermöglicht.

»Es gibt nichts Unwissenschaftlicheres als etwas abzustreiten, nur weil man es nicht erklären kann.« Trotz dieser Tatsache haben sich viele Gelehrte und Laien erlaubt, Resultate zu verleugnen und über sie zu spötteln, nur weil sie damals noch nicht erklärbar waren. »In unserer Zeit, die wissenschaftlich so fruchtbar ist«, schrieb L. Binet, »ist es oft schwierig, sich davor zu hüten, maßlosen Stolz zu entwickeln, und sich zusammen mit Pascal daran zu erinnern, )daß die Folge der Menschengeschlechter durch die Jahrhunderte hindurch als ein Mensch betrachtet werden kann, der weiterlebt und immer dazulernte.<« »Und wenn wir lachen wollen«, sagte Henri Leclerc, »dann tun wir es lieber im Verborgenen und denken dabei daran, welchen Eindruck unsere Medizinersprache, auf die wir heute so stolz sind, auf unsere Urenkel machen wird.«

Dieser Satz hat mich im übrigen dazu bewogen, in diesem Buch wissenschaftlich-medizinische Ausdrücke, wenn irgend möglich, zu vermeiden. Da ich trotzdem nicht immer auf Fachausdrücke verzichten konnte, habe ich im Anhang eine Liste mit Erklärungen der in diesem Buchvorkommenden, und nicht für jeden verständlichen Ausdrücke angefügt.

Natürlich ist dieses Buch für meine Kollegen geschrieben, aber auch und vor allem für ein breites Publikum.

Die Meinung des Kranken spielt bei der Entscheidung, welche Behandlungsmethode zu bevorzugen ist, eine ausschlaggebende Rolle. »Das Volk weiß als erstes alles, auch wenn man ihm nichts erzählt«, schrieb Mike Waltari in Sinouhe, der ägypter.

Die Präventivmedizin, die den Gesunden mit Produkten, deren Auswirkungen niemand genau kennt, in Spritzenoder Tablettenform behandelt, verfolgt einen Irrweg. Sie sollte zu den natürlichen und ungiftigen Stoffen übergehen.

Zu diesen gehören seit jeher an erster Stelle Pflanzen und aromatische Essenzen, und so wird es auch in Zukunft bleiben.

Obwohl man überall auf der Welt immer mehr auf natürliche Behandlungsmethoden zurückkommt, ist das leider noch nicht die Regel. Erst neulich habe ich wieder gehört, wie ein Praktiker einer Mutter folgenden Rat gab: »Wenn Ihre Kinder einen Schnupfen bekommen, dann geben Sie ihnen sofort diese Antibiotika. «

Die Essenzen, die meist durch Destillation aus Pflanzensäften gewonnen werden, kommen im allgemeinen als Tropfen, oder in Kapseln und Perlen eingeschlossen, an den Verbraucher. So kann es manchem merkwürdig erscheinen, daß ich in diesem Buch auch den Knoblauch, die Zwiebel und die Kamille behandle, die von ärzten kaum verschrieben werden. Doch dies geschah aus einem einleuchtenden Grund: auch diese Pflanzen oder Gewürze üben eine Wirkung durch ihre aromatischen Essenzen aus.

Die tägliche Verwendung von Knoblauch, Gewürznelke, Salbei, Rosmarin, Thymian, Bohnenkraut und zahlreicher anderer Gewürze bei der Zubereitung von Speisen hat einen wohltuenden Einfluß auf die Gesundheit.

In dem Kapitel, das von den Essenzen handelt, habe ich auch anderen Anwendungsformen als den im Küchenalltag üblichen genügend Platz eingeräumt. Neben Tees und Aufgüssen sind Pulver, Dampfbäder, Einreibungen und Bäder aufgrund der Freisetzung von ätherischen ölen gesundheitsfördernd.

Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, daß diese Arbeit nie vorgibt, die schwierige Kunst eines Therapeuten zu ersetzen. »Alles ist Gift, nichts ist Gift«, sagte Paracelsus, und in der Realität zählt einzig die Dosierung.

Denn auch natürliche Essenzen können, wenn sie unbedacht benutzt werden, giftige Auswirkungen haben. Arbeiter, die echte Vanille verarbeiten oder verpacken, leiden häufig unter verschiedenen Beschwerden, die unter dem Namen »Vanille-Krankheit« zusammengefaßt werden: heftige Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Ausfall der Augenbrauen.

Safran, der in zu hohen Dosen genossen wird, kann zu übersteigerter Erregbarkeit des Gehirns und in der Folge zu Krämpfen, Delirium und zum Tod führen.

Die krampflösende Majoran-Essenz kann, in hohen Dosen genossen, wie ein Rauschgift wirken (Cadeac und Meunier).

Salbei-, Rosmarin- und Ysop-Essenzen können auch in niedriger Dosierung unter bestimmten Umständen und bei dazu neigenden Menschen epileptische Tendenzen verstärken.

In diesem Zusammenhang möchte ich folgende merkwürdige Begebenheit nicht verschweigen: Im Juli 1959 suchte mich während des jährlichen Prytanee Militaire de la FlecheFestes eine Frau auf, die innerhalb weniger Augenblicke an beiden Unterarmen von einem heftigen Nesselfieber befallen worden war. Mir gelang es nicht, die Ursache dieser Allergie zu bestimmen. Weder Ernährung noch Lippenstift, weder Nagellack noch Parfüm … nichts brachte mich auf die richtige Spur.

Einige Jahre später trat bei der Frau das gleiche Phänomen auf. Wieder forschte ich nach der Ursache.

Nach langwierigen Untersuchungen fand ich heraus, daß meine Patientin auf Lindenblüten allergisch reagierte. Innerhalb von elf Jahren hatte sie sich dreimal unter einem blühenden Lindenbaum aufgehalten!

Trotz der seltenen Fälle, in denen die Verwendung von Pflanzen und Pflanzenessenzen zu ungewünschten Reaktionen führen kann, »werden Mediziner und Chemiker erstaunt sein«, wie R.-M. Gattefosse schrieb, »wenn sie sich bewußt werden, wie groß die Anzahl der Geruchsstoffe ist, die in der Medizin verwendet werden können, und wie vielfältig ihre chemischen Funktionen sind. Die antiseptischen und Mikroben bekämpfenden Eigenschaften sind heute weitgehend bekannt; darüber hinaus aber besitzen diese Stoffe Eigenschaften, die gegen Gifte und Viren wirken, sie haben eine starke energetische Kraft und die unbestreitbare Fähigkeit, bei der Heilung von Wunden positiv zu wirken. In der Zukunft werden sie eine noch bedeutendere Rolle spielen.«

Montaigne hatte darauf bereits hingewiesen, als er schrieb, »die Mediziner könnten Düfte vielfältiger gebrauchen, als sie es heute tun, denn ich habe bemerkt, daß diese fähig sind, und zwar jeder Duft auf seine eigene Weise, auf meine Stimmung zu wirken und diese zu verändern.«

Natürlich kannte Montaigne die modernen wissenschaftlichen Arbeiten nicht, die in den Essenzen sogar hormonale Bestandteile nachgewiesen haben, die auf Körper und Geist wirken.

Das intuitive Wissen unserer Vorfahren erstaunt auch heute noch den unvoreingenommenen Beobachter. Wie war es ihnen möglich, ihre Patienten so wirksam und sicher zu behandeln, da sie doch die Zusammensetzung der Naturheilmittel, die sie ihnen verschrieben, nicht kannten? Sie verließen sich einzig auf ihre Erfahrung.

Aber vielleicht wußten unsere Vorfahren mehr, als wir annehmen. Es ist durchaus möglich, daß etwaige schriftliche Aufzeichnungen, wie so vieles während der verheerenden Kriege, verbrannten oder verlorengingen.

Wenn eine aromatische Essenz auf den Markt kommen soll (die natürlich vom Hersteller in allen Fällen als »rein und natürlich« bezeichnet wird, in Wirklichkeit aber nur allzuhaufig unrein oder, schlimmer, gepanscht ist), benützt man die chromatographische Methode: ein Schreiber hält auf einem Papier eine Kurve fest, deren Ausschläge dann mit dem typischen Bild verglichen wird, das von einer hundertprozentig reinen Essenz angefertigt worden war.

Besuchen Sie doch eines dieser Kontrollabore, und Sie werden zu Ihrer großen überraschung feststellen, daß neben jedem Apparat eine »Nase« steht, das heißt eine Frau oder ein Mann, die über einen äußerst sensiblen Geruchssinn verfügen. Sobald der Apparat seine Kurve gezeichnet hat, riechen diese Spezialisten an der Essenz und bestätigen mit Hilfe ihrer Nase das Ergebnis oder korrigieren es, was häufiger vorkommt, als sie vielleicht annehmen mögen.

Während ich dies schreibe, denke ich an ein Buch, das gegen Ende des vorigen Jahrhunderts erschienen ist. Ein Arzneimittelhersteller von Stärkungsmitteln, Beruhigungsmitteln sowie einigen anderen Medikamenten hatte ein Werk herausgegeben, das seine eigenen Produkte lobte und die anderer Hersteller verdammte.

Dieser Arzneimittelhersteller hatte sich ganz auf die Mineralien auf Knochenpulver und Brom verlegt, unbestreitbar ausgezeichnete Heilmittel, doch sicher nicht die einzigen.

So warnte er seine Leser vor den Gefahren, die von Engelwurz, Sternanis, Basilikum, Zimt und Kapern ausgehen, von schwarzen Johannisbeeren, Sellerie, Kerbel, Kohl, Schnittlauch und Zitronen, von Kresse, Kümmel, Schalotten, Estragon, Fenchel, Ingwer, Lorbeer, Brombeere, Zwiebel, Rüben, Pastinaken, Petersilie, Thymian, Tomaten … ich unterbreche hier die Liste, die viele Seiten ausfüllen würde.

Warum er vor diesen Gemüsen und Gewürzen warnte? Aufgrund der aromatischen Essenzen, die sie enthalten …

Für diesen Pseudo-Gelehrten und durchtriebenen Kaufmann waren alle Pflanzen, die Essenzen enthalten, giftig. Er verdient eine posthume Medaille von der Pharmaindustrie, der er unbewußt und uneigennützig den Weg bereitete.

Dieses Buch hat ein einziges Ziel: nützlich zu sein und die Wissenschaft nicht zu verlassen.

Darüber hinaus wird keine Werbung für bestimmte Produkte gemacht. Wenn ich trotzdem hin und wieder einige Spezialprodukte erwähne, dann nur, um den Lesern, die von der Aromatherapie begeistert sein werden, bei ihren ersten Schritten auf dem für sie neuen Gebiet zu helfen.

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